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Pressemitteilung


Offener Brief von 160 Ärzten
19.12.2007 11:15

Kategorie: Fraktion


SPD-Fraktion: ,,Wer Angst sät, wird Patienten ernten!“

 

1992, als die Entscheidung zum Bau der Mainzer Müllverbrennungsanlage anstand, hat der Präsident der Landesärztekammer „als einer der für die Gesundheit der Bevölkerung Verantwortlichen“ gewarnt, man müsse bedenken, „mit wie viel unkalkulierbaren Risiken gerade die Müllverbrennung noch behaftet ist“. Die Gremien der Landesärztekammer haben einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der es heißt: „Die geplante flächendeckende Einführung von Müllverbrennungsanlagen, auch in Rheinland-Pfalz, gibt uns Ärzten Anlass zu großer Besorgnis“. Inzwischen stellt keiner mehr in Frage, dass die Müllverbrennung eine umweltschonende Methode der Abfallbeseitigung ist, und der Bau einer dritten Linie der Verbrennungsanlage ist von der Landesärztekammer höchstens zur Kenntnis genommen worden.

Die Luft in Mainz ist in den letzten 30 Jahren weitaus sauberer geworden. Während sie1980 im Mittel noch 60 Mikrogramm Schwefeldioxid pro Kubikmeter enthielt (SO2 als Indikator für Schadstoffe aus Industriefeuerungen und Kraftwerken), sind es in den letzten Jahren nur noch etwa 4 Mikrogramm (Messstelle Mombach). Die Emissionen des geplanten Steinkohlekraftwerks steigern die Luftbelastung im Mainz nach umfassenden Berechnungen so wenig, dass ihr Einfluss als irrelevant eingestuft wird.

Jetzt haben 160 Ärzte unter Führung von Dr. Gunther Schwarz prophezeit, dass durch den Bau des geplanten Steinkohlekraftwerks „für die im Umkreis des Kraftwerks lebenden Menschen durch die erhöhte Schadstoffbelastung unkalkulierbare gesundheitliche Risiken entstehen." Das Kraftwerk werde zahlreiche Schadstoffe in „großer, für Mensch und Umwelt unzulässiger Menge“ abgeben. Da die Menschen in Mainz bereits heute in einem hoch belasteten Gebiet lebten, sei dieses erhöhte Risiko in höchstem Maße kritisch zu sehen. Die hohe Asthma- und Allergierate in Mainz werde weiter ansteigen. Ein besonderes Augenmerk sollte auf die Kinder von Mainz und Wiesbaden gelegt werden. Große Mengen an Umweltgiften schädigten bereits jetzt deren Atemwege im Stadium der Entwicklung und Ausreifung.

Dr. Schwarz und seine Mitstreiter haben sich voll aus dem Arsenal des Schreckens bedient. Selbst eine Schädigung von noch ungeborenen Kindern wird prophezeit. Diese jedes vertretbare Maß übersteigende Angstmache ist der Stil von Sektenpredigern, nicht von verantwortungsbewussten Ärzten. Nach den Erfahrungen mit dem Engagement gegen die Müllverbrennung sollte sich die Landesärztekammer von dieser Kampagne distanzieren, die das Ansehen des Ärztestands missbraucht. Jeder Arzt weiß oder sollte zumindest wissen, dass ein Angstzustand eine Störung des psychischen Wohlbefindens ist, die somatisiert werden, also körperliche Krankheitssymptome hervorrufen kann. Die bedrückenden Fälle von „chemical AIDS“ durch gefühlte Überempfindlichkeit gegen Umweltschadstoffe, wie sie in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts gehäuft auftraten, sollten eine Warnung sein. Wenn die mit der Autorität von Ärzten inszenierte Panikmache Wirkung zeigt, werden wir nach dem Kraftwerksbau tatsächlich einen Anstieg von behandlungsbedürftigen Erkrankungen, die von den Patienten auf Umwelteinflüsse zurückgeführt werden, zu erwarten haben.

 

gez. gez.

Oliver Sucher Prof. Dr. Gerfried Gebert

Fraktionsvorsitzender umweltpolitischer Sprecher